Wenn Architekten digitale Kunst machen

Die dritte Ausstellung im kleinen Museum für Digitale Kunst, kurz MuDA, widmet sich dem Schaffen von Fabio Gramazio und Matthias Kohler.

© Gramazio Kohler, Zürich

Gramazio und Kohler sind die Nachnamen zweier Männer, hauptsächlich schwarz tragend, Fabio Gramazio und Matthias Kohler. Nicht nur ihr Architekturbüro Gramazio Kohler Architects ist nach ihnen benannt, sondern auch ihre Forschungseinheit Gramazio Kohler Research, welche sie als Professoren der ETH Zürich, der altehrwürdigen Eidgenössischen Technischen Hochschule, leiten und in dessen Rahmen sie Digitale Fabrikation in der Architektur erforschen und unterrichten.

Passenderweise hat sich das Duo in den frühen 90ern im Computercluster des Departements Architektur an der ETH kennengelernt, wo sie damit begonnen haben über neue Code-basierte Design-Prinzipien nachzudenken — also über die Möglichkeit, Regeln und Systeme mit dem Computer zu entwerfen, statt ein isoliertes Element auf dem Zeichenbrett zu betrachten. Das Entwerfen solcher Systeme und die Suche nach Möglichkeiten, diese in die materielle Dreidimensionalität umzusetzen, war unbetretenes Terrain, welches beide in Neugier vereinte.

Seit jener Zeit erkunden die Beiden den Raum zwischen Kunst und Wissenschaft in der Architektur, verhandeln mit Hilfe von Algorithmen, Sensoren und Robotik das Verhältnis zwischen virtueller Computersprache und der Realität physischer Materie. Als Pioniere in diesem Bereich definieren Fabio Gramazio und Matthias Kohler dabei in Zusammenarbeit mit Maschinen eine neue Baukultur und Ästhetik — sie nennen es Digitale Materialität — welche eine überraschend humanistische Note aufweist.

Computer machen Kunst (möglich)

Durch das Konstruieren physischer Strukturen mittels Algorithmen, Sensoren und Robotern haben die zwei Architekten und Professoren international für Aufsehen gesorgt. Mit dieser Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich entwickelt wurde, präsentieren Gramazio Kohler Ankerpunkte ihres bisherigen Schaffens sowie zwei neu entwickelte robotische Installationen. Die viermonatige Ausstellung ermittelt die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft, zeigt wie Drohnen Mauern bauen, Roboter mit Sand spielen und Styroporkugeln schweben.

Was es in der Ausstellung zu sehen gibt?

Christmas Lights (2005/2010)

LED Element und Videoschleife. Die Vorstellung, dass eine Weihnachtsbeleuchtung zur Kontroverse führt, scheint unwahrscheinlich. Doch genau dies passierte 2005 als die 275 Lichtelemente von Gramazio Kohler Architects entlang einer 1,1 Kilometer langen Passage der Zürcher Bahnhofstrasse gehängt wurden.

© Gramazio Kohler, Zürich

Die 7 Meter langen Röhren wiegen jeweils ungefähr 40 Kilogramm und wurden aus gewickelten Glasfasern mit je 32 weissen LEDs hergestellt, um so nachts dreidimensionale Lichtwellen entlang der geschäftigen Tramlinie fliessen zu lassen. Die Intensität der Lichtbänder war dabei abhängig von der Aktivität auf der darunterliegenden Strasse.

Durch den Bruch mit klassischer Weihnachtsästhetik wurde die Installation zu einem kontroversen Gesprächsthema in den nationalen und internationalen Medien.

Sisyphus (2017)

Ein Seilroboter, der an drei Punkten aufgehängt ist, eine Tonne Sand. Drei Flaschenzüge werden von Schrittmotoren über einen Mikroprozessor gesteuert und bewegen so das Sandsilo im Raum. Die Maschine kreiert ein Vakuum, um Sand-körner vom Boden aufzunehmen, durch Kontrolle eines hydrostatischen Ventils können diese wieder entladen werden. Durch Näherungssensoren wird der Abstand zum Boden gemessen, Lichtsensoren erfassen die Aufschütthöhe.

© Gramazio Kohler, Zürich

Der Roboter schwebt über den Boden und kreiert durch die Ablagerung von Sand eine weiche Landschaft mit sanften Mustern. Ist der Behälter leer, sammelt der Roboter den Sand wieder ein und ist so gefangen in einem endlosen Kreislauf von Aufbau und Zerstörung.

Robotic Cosmogony (2017)

Im Raum schwebender Partikel, zwei robotische Arme. Eine phasenverschobene Vielzahl von Audiosignalen in einer Frequenz von 40 kHz lässt einen Punkt im Raum entstehen, an welchem scheinbare Schwerelosigkeit herrscht.

© Gramazio Kohler, Zürich

Mit diesem akustischen Schwebesystem ausgestattet, können die Roboter den Partikel berührungslos im Raum bewegen. Wie ein Planet, der auf seiner Umlaufbahn kreist, bewegt und beschleunigt sich der Partikel durch Raum und Zeit. Erreicht der Partikel die Grenzen des Arbeitsraumes des einen Roboters, wird er an den anderen Roboter übergeben, um seinen verschlungenen Pfad fortzusetzen.

mTable (2002)

Holztische und Mobiltelefone: Die Serie der mTables sollte zu einem bedeutenden Moment in der Arbeit von Gramazio Kohler werden.

© Gramazio Kohler, Zürich

2002 wurde das Nokia 7650 veröffentlicht, das erste bezahlbare Handy, welches die Möglichkeit bot, Applikationen von Drittanbietern herunterzuladen und zu installieren. Gramazio Kohler schrieb eine App, welche dem Nutzer die Möglichkeit gab, mittels Joystick die Unterseite eines tatsächlichen Tisches dreidimensional zu gestalten. Die so generierten Geometriedaten wurden über das Internet an eine computerkontrollierte Fräse gesendet, welche die weich geschwungene Landschaft in das Holz fräste.

Die Tische wurden behandelt und zu einem hohen Preis an den Kunden geliefert. Die Effizienz des Produktes war bei diesem Projekt nicht der Fokus, sondern die Motivation des Architektenduos in Zusammenarbeit mit Maschinen programmierte physische Strukturen entstehen zu lassen.

Interference Cube (2003)

Die prototypische Raumeinheit mit einer Seitenlänge von 2,3 Metern und einem Gewicht von annähernd 7 Tonnen befindet sich vor dem MuDA. Der Kubus besteht aus fünf vorgefertigten Betonelementen mit individuellen Oberflächenreliefs. Die Wellenmuster auf den Innenseiten des Kubus, welche in den Weisszement gefräst wurden, bilden ein imaginäres räumliches Kräftefeld ab, welches durch die Simulation von Turbulenzen entstanden ist.

Architecture Works und Loops (Video-Installationen 2017)

Die Videos, gedreht mit einer Oktokopter-Drohne, dokumentiert einen Teil des architektonischen Schaffens von Gramazio Kohler. Bei ihren Designs kooperieren sie oft mit anderen Architekten und bauen auf frühere Experimente, Forschungen und Installationen auf. Dabei werden sie oft in der Grösse und den industriellen Prozessen angepasst. Zu sehen gibt es Video-Sequenzen zu 5 verschiedenen Projekten:

  • Kuppel des Bundesstrafgerichts in Bellinzona (2009–2013);
  • NEST, EMPA Dübendorf (2010–2016);
  • das sequentielle Dach des Architectural robotic Labs der ETH Zürich (2010–2016);
  • die Bachsteinfassade des Gantenbein Weingutes in Fläsch (2006) und ein
  • Privathaus in Riedikon (2004–2009).

Ausserdem werden Video-Dokumenationen gezeigt über zwei Kunstinstallationen:

  • Flight Assembled Architecture (2011–2012), mit Raffaello D’Andrea für das FRAC Centre kreiert, war die erste architektonische Installation von fliegenden Robotern erbaut;
  • Rock Print (2015), in Zusammenarbeit mit dem MIT Self-Assembly Lab, wurde für die Architektur-Biennale in Chicago entwickelt.

Praktisches zur Ausstellung

Gramazio Kohler, Museum of Digital Art, Zürich
vom 1. April bis 16. Juli 2017, Dienstag bis Sonntag: 11 – 19 Uhr
Eintritt: CHF 10

Museum of Digital Art, Pfingstweidstrasse 101, 8005 Zürich

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