Ist Zürich reif für mehr Hochhäuser?

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Wer in der Stadt Zürich unterwegs ist, kommt schnell zum Schluss, überall werde gebaut: neue Quartiere werden aus dem Boden gestampft, überall wird verdichtet und verändert. Es scheint, die Stadt trage die Last der Entwicklung des Wirtschaftsraums. Doch der Schein trügt. Die rege Bautätigkeit ist eine Konsequenz steigender Geburtenraten, höherer Lebenserwartungen und der Zuwanderung aus dem In- und Ausland, aber auch neuer gesellschaftlicher Ansprüche und Bedürfnisse. Obwohl die Stadt sich gerne als Pulsgeberin und Tor zur Schweiz und zur Welt präsentiert, bewegt sie sich beim Bevölkerungswachstum gerade einmal im Mittelfeld. In den letzten zehn Jahren sind alleine im Kanton Zürich 76 Gemeinden (45%) schneller gewachsen: Die Stadt Zürich (1.3%) liegt knapp hinter Winterthur (1.4%) und deutlich hinter Kleinstädten wie Wetzikon (2.2%) und Bülach (2.8%) oder ländlichen Gemeinden wie Niederglatt, Oberglatt und Niederhasli (1.8%).

Obwohl die Stadt ein verhältnismässig moderates Bevölkerungswachstum aufweist, prägt sie die emotional und normativ geführte Debatte über Verdichtung. Eine selbstfinanzierte, empirische Studie des Büros Zimraum, durchgeführt von Joëlle Zimmerli, untersucht, wie die Bevölkerung die Chancen und Risiken von Veränderung und Verdichtung einschätzt. Der Fokus liegt auf den Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt Zürich. Zum Vergleich werden aber auch Personen aus einer Agglomerationsgemeinde (Bülach) sowie aus ländlichen Gemeinden im Einzugsgebiet der Stadt (Niederglatt, Oberglatt und Niederhasli) befragt. Diese «Kontrollgruppen» ermöglichen Aussagen zur Akzeptanz sozialer und baulicher Dichte jenseits der administrativen Stadtgrenzen.

Interessante Ergebnisse

Hier zitiere ich die in der Studie unter „Wie weiter“ zusammengefassten Schlussfolgerungen der Autorin:

„Die Befragung zur Akzeptanz städtischer Dichte zeigt, dass die Offenheit für bauliche Veränderungen, soziale Dichte und Durchmischung von der «städtischen Identität» geprägt wird: einem Bekenntnis zur Stadt als Lebensraum für unterschiedlichste Bedürfnisse, die nebeneinander Platz haben. Überzeugte Städter, die zentrale Wohnlagen suchen, schätzen Vielfalt und Veränderung und akzeptieren, dass mehr Dichte Teil und Bedingung eines urbanen Lebensstils ist. Städte wie Zürich sind aber nicht nur Wohn- und Lebensraum für überzeugte Städter. Auf städtischem Gebiet leben auch Menschen, die solche urbanen Eigenschaften zwar schätzen, aber nicht vor der Wohnungstür suchen. In grün geprägten, ruhigen Wohnquartieren erwarten sie, was ihnen aus ihrer Kindheit vertraut ist oder sie im Erwachsenenleben schätzen gelernt haben: ein unaufgeregtes Umfeld mit vielen Grünräumen und Menschen, die einen ähnlichen Lebensstil pflegen. Sie reagieren verhalten auf Veränderungen und fürchten den Verlust von Freiraum.

Die Befragung zeigt auch, dass die städtische Bevölkerung unabhängig von ihren Präferenzen erwartet, dass bauliche Veränderungen in ihrem unmittelbaren Umfeld mehr Wohnraum, eine grössere Angebotsvielfalt und mehr Quartierleben ermöglichen, und dass neu geschaffener Wohnraum ihren Wohn- und Fl.chenansprüchen gerecht wird. Letztlich zeigt die Befragung, dass die Akzeptanz von Veränderungen im unmittelbaren Wohnumfeld nicht an der architektonischen oder städtebaulichen Gestaltung, sondern an Mobilitätsfragen hängt.

Zusammenfassend geht es in der Haltung zur baulichen Verdichtung nicht nur um Quantität, sondern auch um Lokalität, also darum, wo wie viel Verdichtung toleriert, akzeptiert und gewünscht wird. Es geht weiter um Qualität, also um die Angebote und Spielräume, die von unterschiedlichen Einwohnertypen in unterschiedlichen Wohnumfeldern geschätzt werden. Und es geht um Aushandlungen und Kompromisse: Mobilitäts-, Nutzungs-, Freiraum- und städtebauliche Fragen müssen zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefügt werden, das zum Ort und zu den Menschen, die ihn prägen, passt.

Diese empirischen Erkenntnisse haben drei konkrete Konsequenzen für die Planung.

Zukunftsfähiger Städtebau

Ein Städtebau, der sich primär am Bestand orientiert und an Visionen aus der Gründerzeit festhält, ist nicht zukunftsfähig. Städte wie Zürich werden kinderreicher und älter, sie werden auch in Zukunft überzeugte Städter aus dem In- und Ausland anziehen – sofern sie Massstabsprünge auch an den begehrten zentralen Lagen zulassen, an denen Veränderungen und Verdichtung auf breite Akzeptanz stossen. Bei vielen der 3- bis 5-geschossigen Bauten, die in Zürich über die letzten fünf Jahren erstellt wurden, stellt sich schon heute die Frage, ob sie mit der demographischen und wirtschaftlichen Entwicklung der nächsten fünfzehn Jahren Schritt halten können, bzw. wann sie durch deutlich höhere Bauten ersetzt werden müssen.

Das heisst für Behörden und Politik

Heute nehmen sie in Kauf, dass der Erhalt vertrauter Volumen lebendige Quartiere aushöhlt. Stattdessen sollten Politik und Behörden die Entwicklung von Massstabssprüngen ermöglichen: nicht in peripheren «Entwicklungsgebieten», in denen zu viel Veränderung nicht gewünscht ist, sondern an begehrten zentralen Lagen. Behörden sollten sich von statischen top-down Zonenplänen lösen und die geeignete Dichte auf Basis von Lagequalitäten wie der Nähe zu Bahnhöfen oder Tram- und Bus-Haltestellen, der Arbeits- und Wohndichte sowie dem Öffentlichkeitsgrad und der Angebotsdichte festlegen: Je dichter und besser erschlossen ein Grundstück oder Areal ist, desto höher sollte gebaut werden können.

Das heisst für Planung und Städtebau

An zentralen und begehrten Lagen muss Raum für deutlich dichtere Bauten geschaffen werden. In grünen Wohnquartieren können vor langer Zeit geplante «Verdichtungsreserven» durchaus überprüft werden. Weniger kann hier deutlich mehr sein.

Das heisst für Bauherren und Immobilienentwickler

Letztlich bestimmt in der Stadt das Wohn- und Lebensumfeld die Attraktivität des Wohnraums. Der soziale und wirtschaftliche Fussabdruck jedes einzelnen Gebäudes trägt zur Lagequalität bei. Wenn Investoren typische Wohnquartierqualitäten an zentrale urbane Lagen verpflanzen, zerstören sie Lage- und Wohnraumqualitäten genauso, wie wenn sie die Stadt in dörfliche Umfelder transplantieren wollen. Ein umsichtiges, kontextsensibles Planen in gegenseitiger Abstimmung kann hier Abhilfe schaffen.

Professioneller Städtebau

Städtische Identität prägt nicht nur die Einschätzung der Wohnqualitäten von Einwohnern, sie verleitet auch Architekten und Planer dazu, nach persönlichen Präferenzen zu planen und gestalten. Mit der ideologisch geprägten Urbanisierung der Agglomeration und der Wohnquartiere werden aber keine universellen Werte geschaffen, sondern die von Vielen geschätzte Vielfalt zerstört. Das Schliessen von Strassen- und Stadträumen mag an zentralen Lagen, an denen extrovertiert gelebt wird, zu einer klaren und sinnvollen Trennung von privatem und öffentlichem Raum führen. In typischen Wohnquartieren, an denen introvertiert gelebt wird und wenig Leben auf der Strasse stattfindet, sind es aber gerade die ungeordneten Zwischenräume und die extrovertierten, ins Grüne gerichtete Bauten, welche die Wohnqualität ausmachen. Geschlossene Quartiere im durchlässigen Umfeld bleiben Ufos, die viel Aufmerksamkeit erregen, aber keinen Anschluss finden.

Das heisst für Behörden und Politik

Städtebau und Stadtentwicklung dürfen nicht auf ein zeitgeistiges Bekenntnis zu Blockrändern oder einheitlichen Traufhöhen hinauslaufen, oder dem Bedürfnis untergeordnet werden, «unordentliche» Randgebiete in ein klares architektonisches Korsett zu zwängen. Es gilt, Wohn- und Lebensraum für Menschen zu schaffen, die sich mit bestimmten Vorstellungen für ein Wohnumfeld entscheiden oder entschieden haben.

Das heisst für den Städtebau

Gute Architekten und Planer lösen sich von den eigenen Vorstellungen vom «richtigen» Wohnen und lassen sich auf die Vorstellungen der Wohnbevölkerung und Quartiernutzenden ein, für die sie planen und entwerfen. Für grün geprägte Wohnquartiere bedeutet das beispielsweise: sie schaffen durchlässige Räume, die visuelle Tiefe herstellen und den Menschen auf den Strassen vermitteln, dass auch hier gewohnt und gelebt wird.

Das heisst für Bauherren und Immobilienentwickler

Damit sich Architekten auf die Lösung architektonischer und städtebaulicher Herausforderungen konzentrieren können, benötigen sie Grundlagen zu den gesellschaftlich erwünschten und wirtschaftlich tragbaren Wohnqualitäten.

Zum Pflichtenheft von Wettbewerben und Testplanungen gehören deshalb auch Angaben zu Zielgruppen und zielgruppengerechten Wohnqualitäten. Bauherren erhalten mehr für ihr Geld, wenn sie aus fünf unterschiedlichen Lösungen zu einem klar definierten Set auswählen können, als wenn sie fünf unterschiedliche Interpretationen der Ausgangslage auf ihre Markttauglichkeit beurteilen müssen.

Das heisst für die Planung

Gute Planung beginnt mit Grundlagen zu lokalen Wohnqualitäten. Diese finden sich auf der Strasse: Sie können mit Interviews vor Ort erhoben oder niederschwellig über den Einbezug von Vertretenden von Schulen, Gewerbe, Verein oder Sport in Planungsprozesse abgeholt werden.

Lernende und ergebnisoffene Quartier- und Arealentwicklung

Die repräsentative Erhebung der Erwartungen an bauliche Veränderungen zeigt, dass sich Städterinnen und Städter vor allem mit Nutzungsmöglichkeiten und Freiraumangeboten sowie Fragen zur Mobilität auseinandersetzen. Städtebauliche Formen und Fragen spielen, wenn überhaupt, eine Nebenrolle. Das bedeutet, dass bei der Planung von Quartier- und Arealentwicklungen der Blick auf den Kontext stärker gewichtet werden muss. Hoffnungen und Widerstände richten sich nicht an die Architektur, sondern an die Auswirkungen auf den Verkehr, die Bewohner- und Arbeitsplatzdichte, publikumsorientierte Nutzungen sowie unterschiedliche Freiraumtypologien. Diese geben den Impuls für die Entwicklung.

Das heisst für Behörden, Politik, Bauherren und Immobilienentwickler

Quartier- und Arealentwicklungen müssen auf einer Auslegeordnung der Nutzungen aufbauen. Diese sollte auf harten statistischen Daten und Studien zum Wohnungs- und Arbeitsmarkt, Befragungen und Erfahrungswissen lokaler Akteure basieren – und nicht auf persönlichen Vorstellungen.

Das heisst für Planung und Städtebau

In Testplanungen geht es nicht um die detaillierte Ausarbeitung von Städtebau und Architektur. Es geht um die Aushandlung der grossen Themen wie soziale Veränderungen, Mobilität, Investitionsmöglichkeiten oder Chancen auf neue Angebote, die sich mit dem Transformationsprozess verändern, und um den Umgang mit diesen Herausforderungen. Sind die Lösungsansätze gefunden, können Städtebau, Freiraum, Verkehr und Infrastrukturen ausgearbeitet werden.

Hier können Sie die Studie in voller Länge als PDF herunterladen. Über die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie ist übrigens im Tages-Anzeiger unter dem Titel «Zürcher würden gerne in Hochhäusern leben» ein längerer Artikel erschienen, den Sie hier online lesen können.

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